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Performerism - Kreativität im Spätkapitalismus
Symposium
31.1. & 1.2.2015

Lange Zeit bestand die Hoffnung, dass freie künstlerische Arbeit die herrschenden Arbeits- und Produktionsverhältnisse aufheben würde. Durch die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche kann davon heute keine Rede mehr sein. Vielmehr werden Künstler nun als Avantgarde der Prekarisierung mitverantwortlich gemacht für die Deregulierung der Arbeitsverhältnisse. Das FFT diskutiert mit Künstlern und weiteren Arbeitern über Prekarität, Solidarität und das Theater als möglichen Ort, anders zu arbeiten.

Mit: Kai van Eikels, Prof. Dr. Bojana Kunst, Alexander Karschnia, Prof. Dr. Oliver Marchart und Jan Deck (Moderator). Gefördert durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Die Programmbroschüre als pdf-Reader

Moderation Jan Deck:

Jan Deck ist Politikwissenschaftler, freier Regisseur, Dramaturg und Kurator im Bereich Darstellende Kunst. Er koordiniert die AG in der Dramaturgischen Gesellschaft und ist Geschäftsführer des Landesverbands Professionelles Freies Theater Hessen (laPROF). Er arbeitet zudem als Autor und Herausgeber, beispielsweise von „Paradoxien des Zuschauens“ und „Politisch Theater machen“ (beides transcript Verlag).

Prof. Dr. Oliver Marchart
Ambivalenz des Prekären

In der Prekarisierungsgesellschaft erscheinen immer mehr Lebensbereiche im flackernden Licht der Verunsicherung. Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse weiten sich aus. Es kommt zur Angstneurotisierung der Individuen. Dies ist aber nicht die notwendig einzige Folge von Prekarisierung. Die Subjektivierungsformen der „projektbasierten Polis“ oder des „unternehmerischen Selbst“, für die von manchen die Emanzipationsbewegung der 1968er verantwortlich gemacht wird, besaßen immer auch ein progressives Gesicht. Freiheit, Selbstverantwortung, Kreativität und Kooperationsfähigkeit mögen ideologisch auf die postfordistische Verwertungslogik getrimmt sein, sie gehen aber nicht in ihr auf. Es gilt daher, ihren emanzipatorischen Überschuss wiederzubeleben.

Prof. Dr. Oliver Marchart ist politischer Philosoph, Soziologe und Herausgeber. Seit 2012 ist er Professor für Soziologie an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Gesellschaftstheorie, Philosophie, politische Theorie, Kunst- und Kultursoziologie, Sozialtheorie und soziale Bewegungsforschung sowie Poststrukturalismus.

Prof. Dr. Bojana Kunst
The project horizon: On the temporality of making
In englischer Sprache

Artists, scientists, politicians, producers and all others who work in the so-called creative sector all are united through one word with which they/we often name what we do: We do “projects“. Project always denominates, not only as a specific term, but also a temporal attitude or temporal mode, where the completion is already implied in the projection of the future. A lot of what artists and workers in the field of culture do today seems to be caught in this un-addressed and never approached projective time. The lecture will analyse this fact and expose the intriguing relation between work and the future.

Prof. Dr. Bojana Kunst arbeitet als Philosophin, Tanz- und Performancetheoretikerin, Redakteurin und Dramaturgin im Bereich der zeitgenössischen Performancekunst. Sie ist Professorin am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und beschäftigt sich mit der Reflexion umfassender ästhetischer und politischer Prozesse in Choreografie und darstellender Kunst. Fragen der Dramaturgie spielen eine wesentliche Rolle in ihrer Lehrtätigkeit – wie auch die Absicht, theoretische und praktische Arbeit zu verknüpfen.

Alexander Karschnia
Performerism
Or stop performing isms!

Die Freie Szene hat sich aus institutionellen Zwängen befreit, um selbstbestimmt arbeiten zu können. Dafür wird sie als Avantgarde des postmodernen Kapitalismus geschmäht. Diese Kritik ist ein durchschaubares strategisches Manöver, doch müssen wir uns fragen, ob wir selbstverschuldet in die Abhängigkeit von neoliberalen Strukturen geraten sind. „Performerism“ möchte eine emanzipatorische Perspektive eröffnen, die mit Bertolt Brecht & Walter Benjamin lieber auf das schlechte Neue setzt als auf das gute Alte und dem „Kommunismus des Kapitals“ einen kreativen Kommunismus oder Kommunismus der Kreativen entgegensetzt. Zugleich geht es um einen Akt der Verweigerung; weniger um einen neuen Ismus, als darum, anders (zusammen) zu arbeiten — oder sogar darum, etwas ganz anderes zu tun als zu arbeiten.

Alexander Karschnia ist Performer, Texter und Theoretiker und gründete gemeinsam mit Nicola Nord und Sascha Sulimma die internationale Performance-Gruppe andcompany&Co. Er schreibt für und über Theater und hat die beiden Bücher „ZUM ZEITVERTREIB“ und „NA(AR) HET THEATER – after theater?“ herausgebracht. Zu seinen Jugendsünden zählen die Erfindung der Frankfurter NachtTanzDemos und das erfolgreiche Scheitern mit Schlingensiefs CHANCE 2000 im Bundestagswahlkampf 1998: "Scheitern als Chance!" Seit einigen Jahren bloggt er unter: alextext.wordpress.com
Mehr Hintergrund hier.

Kai van Eikels
Deine Mutter verwechselt Konkurrieren mit Kooperieren!
Kreative Herausforderungen.

Was die postfordistische Organisation von Arbeit „kreativ“ nennt, schöpft einen Mehrwert sozialer Fähigkeiten ab, die künstlerisches Performen zu virtuosen Techniken entwickelt hat. Ein Beispiel ist die spielerische Herausforderung von Teammitgliedern, nach dem Vorbild des improvisatorischen Jazz oder der stimulierenden Kränkungen des signifyin’ im Rap. Konkurrenz und Kooperation verschränken sich dabei zur co-competition, um Aggression von einer destruktiven in eine kollektiv produktive Kraft umzuwandeln. Dieser Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft tritt im sozialen Kapitalismus der Performance Economy als ökonomische Programmatik hervor. Wie reagieren wir darauf, ohne in die Falle zu tappen, uns nach einem idyllischen, von ökonomischen Interessen freien Miteinander-Bürgertum zurückzusehnen, das nie existierte?

Kai van Eikels ist Philosoph, Theater- und Literaturwissenschaftler. Am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin leitet er derzeit ein Forschungsprojekt zu „Synchronisierung und choreographischer Ästhetik“ zusammen mit Gabriele Brandstetter. Seine Forschungsschwerpunkte sind zerstreute Kollektivformen wie „Schwärme“ oder „Smart Mobs“, Kunst und Arbeit, Politiken der Partizipation. Publikation: Die Kunst des Kollektiven. Performance zwischen Theater, Politik und Sozio-Ökonomie (2013). Theorie-Blog: http://kunstdeskollektiven.wordpress.com